Wir spielen, bis… – theaterlabor Bremen

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August 2012

www.weser-kurier.de

Theaterlabor im Schlachthof mit aktueller Aufführung im Findoffer Kulturzentrum– 13.09.2012

Alle Spielräume genutzt

Von Christiane Tietjen

Das Theaterlabor im Schlachthof bietet arbeitslosen Schauspielern eine Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Sie spielen, „bis der ganze Scheiß aufhört“!

Die erst 22-jährige Mona (rechts) ist eigentlich Tänzerin mit abgeschlossener Ausbildung in Stuttgart, will aber ihr Spe

© Christiane Tietjen
Die erst 22-jährige Mona (rechts) ist eigentlich Tänzerin mit abgeschlossener Ausbildung in Stuttgart, will aber ihr Spektrum noch um die Schauspielkunst erweitern.

Findorff-Bürgerweide. „Halten Sie die Regeln ein!“ gebetsmühlenartig wiederholen die Schauspieler immer wieder diesen Satz in verschiedenen Variationen. Am Beginn ihrer Performance im Keller des Schlachthofs und auch als sie zum zweiten Spielort wechseln, der Theaterwerkstatt ganz oben im Haus. Diese kalte und stereotype Aufforderung ist genauso ein verbindendes Element ihres Spiels wie der Leistungsjogger, der quer über den Platz trabt, auch durch Zuschauerreihen und Darstellergruppen während des Spiels – in atemlosem Lauf und irgendwie vergrätzt vor sich hin sprechend.

Der Titel „Wir spielen, bis der ganze Scheiß aufhört“, hat etwas von dem Hamsterrad, das die Akteure symbolisieren. Allein, in Gruppen, nebeneinander her, in zusammenhanglosem Durcheinander. Dabei benutzen sie alle Spielräume, die das Haus hergibt: Dachstuhl, Turm, Toilette, doch die Spielräume in ihrem Innern sind begrenzt. Sie benutzen das Publikum häufig wie einen Spiegel, in dem sie sich selbst betrachten, zurechtmachen, mit dem Effekt, dass die zuschauenden Menschen sich durchsichtig fühlen.

Der jeweilige Charakter des Raums spielt auch eine Rolle: Das Unpersönlich-Technische des Magazin-Kellers, die offene Weite der Theaterwerkstatt mit den auf dem Boden herumliegenden Kostümen. Diesen Raum nun nehmen die Akteure ein, füllen ihn mit Aussagen und Zitaten, mit Poesie, Tanz und Musik. Da gibt es wenig Interaktion und viel zusammenhangloses Nebeneinander, Komik, Tragik, den alltäglichen Wahnsinn also.

„Besuchen Sie mich im Keller“ steht auf einem kleinen Zettel, den Angela Weinzierl überreicht. Sie spielt eine stumme Schauspielerin, die eine eigene Zeichensprache erfunden hat, und nutzt zu ihrer Performance die Dunkelheit des nur von Taschenlampen erhellten Raums.

Viele spannende Teile hatte die Performance zu bieten, zu der sich viele Zuschauer eingefunden hatten. „Wir haben auch ein Konzert dabei und einen Klogesang,“ erzählt Benjamin Harlan, Schauspieler der Truppe. „Unser gemeinsam mit dem Regisseur Patrick Schimanski entwickelter Oberbegriff ist die Utopielosigkeit der heutigen Zeit.“ Vor etwa fünf Wochen haben sie mit intensiver Probenarbeit begonnen, nachdem sie zuerst ihr Thema in Improvisationen formuliert hatten.

Benjamin gehört mit den anderen elf Darstellern zu der Gruppe arbeitsloser Schauspieler, die sich für ein halbes Jahr im Theaterlabor zusammengefunden hat. Vorher war er selbstständig mit einer mobilen Bühne und nutzt nun die Zeit zu Stimm-, und Rollen- und Körpertraining; vor allem der Austausch unter den Akteuren ist ihm wichtig, um „nicht zu verstauben“. Die Maßnahme des Arbeitsamtes in Verbindung mit der Volkshochschule ermöglicht den jungen darstellenden Künstlern, in der gemeinsamen Arbeitsphase ihre Bewerbungsunterlagen aufzupolieren mit Fotos, Filmen und DVD‘s. Dazu gehört ein tägliches intensives Training von 9 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr, geschenkt wird ihnen da nichts. Doch sie sind begeistert von dem Projekt, und auch von der Regie.

Jenny hatte schon feste Engagements in Eisleben, Zeitz, Plauen und Zwickau, bevor sie sich in Bremen niederließ, nicht zuletzt wegen ihrer jetzt viereinhalbjährigen Tochter. Die erst 22-jährige Mona ist eigentlich Tänzerin mit abgeschlossener Ausbildung in Stuttgart, will aber ihr Spektrum noch um die Schauspielkunst erweitern. „Ich bin froh, beim Theaterlabor zu sein. Ich habe schon viel gelernt, wir haben gute Lehrer!“ Sabine hörte durch einen Freund von der Existenz des Theaterlabors. Im Dezember des letzten Jahres beendete sie ihre dreieinhalbjährige Schauspielausbildung am Michael-Tschechow-Seminar in Berlin. „Für mich hat sich damit ein Kindertraum erfüllt. Schon ab der zweiten Klasse in der Waldorfschule bin ich vom Theaterspielen begeistert.“

Das engagierte und voller Elan aufspielende Ensemble vom Theaterlabor ist mit weiteren Aufführungen von „Wir spielen, bis der Scheiß aufhört!“ am Sonnabend, 15. September, Freitag, 28. September, und Sonntag, 29. September, in der Kulturwerkstatt Schlachthof zu sehen.

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www.nachtkritik.de

Wir spielen, bis der Scheiß aufhört! – Das Theaterlabor Bremen lustwandelt kapitalismuskritisch durch den alten Bremer Schlachthof

Am Ende siegt die Wirtschaft

von Andreas Schnell

Bremen, 25. August 2012. Ein bisschen ironisch ist es ja: Eigentlich sollte diese lange Theaternacht im Rahmen des Festivals „Auf Vermögen angelegt“ im Kulturzentrum Schlachthof wirklich die ganze Nacht dauern. Zumindest solange Bedarf seitens des Publikums bestünde. Was zur kämpferischen Note des Titels gepasst hätte. Es ging nämlich um die Auseinandersetzung mit Vermögen, Fragen nach der Grundlage eines guten Lebens, um die wahren Werte, unterschieden von den Warenwerten sozusagen. Also um eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, der seine verheerende Schönheit nicht nur im Zusammenhang mit dem Euro offenbart. Dann allerdings wurde die lange Theaternacht in Absprache mit der Wirtschaft des Schlachthofs auf ein sozial verträgliches Maß gestutzt: Um halb drei sollte Schluss sein. Womit die Ökonomie mal wieder die Kunst in Grenzen verwiesen hätte. Zu sehen gab es aber trotzdem eine ganze Menge.

Aus was denn aussteigen?

Startpunkt für die theatralische Tour durch den alten Schlachthof, wo das Theaterlabor seit Juni seine neue Spielstatt unterhält, war der Magazinkeller. Dort wuselte ein „Regelchor nach Thomas Brasch“, der lustvoll die semantischen Anschlüsse des Regelbegriffs erforschte: „Könnten Sie mal eben kurz die Regeln halten – die sind mir gerade ein bisschen zu schwer geworden.“ Weiter ging’s ein paar Stockwerke höher im Turm des Schlachthofs, wo es in der dort ansässigen Theaterwerkstatt, dem neuen Partner des Theaterlabors, hieß: „Aussteigen? Ich war nie drin. In was denn?“ Ähnlich turbulent wie der Regelchor standen uns hier diverse Aussteigerpositionen gegenüber, von der Rückkehr in den Wald über den Weg ins Kloster bis zum Ausstieg per Droge. Das Ensemble machte sich dabei vor uns zurecht, als wären wir sein Spiegel. Hosen verkehrt herum, Badekappe zum Jackett, und nebenher warfen sie sich gegenseitig Inkonsequenz beim Aussteigen vor.

wirspielen 560 manninicolai uLauter Sinnstifter?    © Manni Nicolai

Weiter ging es in den Uhrenraum des Schlachthofs. Auf einer langen Tafel zwölf Namensschilder: Von Rousseau bis Rosa Luxemburg, von Danton bis Ulrike Meinhoff, von Frida Kahlo bis Paula Modersohn-Becker, von John Cage bis Genesis P. Orridge, dessen Platz leer blieb, ein Zeichen für Kenner, wie Regisseur Patrick Schimanski vorab in einem Interview erklärte. Die anderen kamen zu Wort, als Vertreter „einer neuen Gesellschaft, Kunst und Lebensanschauung“, zu der sogar Sissi gehört, was ein bisschen rätselhaft ist, aber geschenkt. So collagenhaft das Gesamtkonzept, so gleich-gültig stehen hier Cages musiktheoretische Überlegungen neben Luxemburgs Ausspruch: „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.“

Kapitalismus als Religion

Im gleichen Raum dann, nach einer spannenden Improvisation von Patrick Schimanski und dem Gitarristen Ulrich Müller an Schlagzeug respektive Gitarre, als Höhepunkt des Abends „Eine Messe frei nach Walter Benjamin“: der Kapitalismus als Religion. Hier läuft die Inszenierung zu Bestform auf. Ein Chor singt die Namen börsennotierter Unternehmen, der Priester bittet die Gemeinde, auf ihren Smartphones die Seite mit den Börsenneuigkeiten zu öffnen, Aktienkurse werden gesungen. Ein stetes Auf und Ab – der wohl schönste Einfall des Abends. Am Ende bekommen die Teilnehmer der Messe das Abendmahl, Peanuts statt Hostien. Nur eine hat das alles nicht ausgehalten und ist schreiend hinausgelaufen. Der erste Teil endet nach knapp zwei Stunden versöhnlich, ein Lied erklingt, vom Flügelausbreiten und Davonfliegen…

Nach der Pause werden die verschiedenen Räume weiter bespielt, ein paar kommen noch dazu, wie das oberste Stockwerk, in dem tagsüber die Redaktion des Zett-Magazins arbeitet, aber auch die Toiletten, zum Irgendwo umgewidmet, eigentlich zu viel, um alles zu sehen. Und was nach der Pause kommt, ist auch nur noch lose mit dem Thema verbunden, sampelt Material aus dem Vorhergehenden oder spielt auf einer Metaebene darauf an. Aber es hat auch dann noch Charme, die Räume im alten Turm zu erkunden, während unten im Foyer schon getanzt wird.

Und die Moral von der Geschicht‘

Unterm Strich also ein kurzweiliges Vergügen. Das Ensemble bewältigt seinen Part ordentlich, was aus technischen Gründen an Ausstattung fehlt, wird durch viele hübsche Ideen wettgemacht. Nur als Text kommt die Sachen nicht recht von der Stelle. Wo der Kapitalismus offenbar ein permanentes Bedürfnis nach höherem Lebenssinn stiftet, hat er zugleich für die meisten Menschen nicht gar zu viel zu bieten. Was zumindest ein, wenn nicht der Ausgangspunkt für die Frage nach den wahren Werten ist. Und da bringt es eben nicht so wahnsinnig viel, ständig das zu beschwören, was anscheinend zuverlässig immer wieder unter die Räder jener Wirtschaftsweise kommt, in der alles zur Ware wird. Denn dann geht alles immer so weiter. Womit wir wieder am Anfang wären.

Wir spielen, bis der Scheiß aufhört!
von Patrick Schimanski und dem Theaterlabor
Regie und Musik: Patrick Schimanski, Kostüme: Christiane Dobbratz, Dramaturgie: Brit Ullrich.
Mit: Jochen Ganser, Benjamin Harlan, Mona Hempel, Harald Holstein, Paloma-Maria Klose, Serena Patalano, Stefan Schmidt, Carla Schmelter, Jenny Rehs, Birte Rüster, Sabine Spanknöbel, Angela Weinzierl.

www.theaterlab.de

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