Das Ballhaus – Theater Heilbronn

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September 2011

Heilbronner Stimme, 26.09.11
„Geräuschvoll geht der Lappen hoch, wie Theaterleute den Vorhang nennen. Hinter einem schmucken Tresen scheint ein Kellner kräftig zu kurbeln und gibt den Blick frei auf den Saal, in dem sich Schicksale kreuzen werden, kokette Damen auf verschüchterte treffen, und Machos und schmalbrüstige Provinzintellektuelle um die Gunst der Frauen buhlen.

Noch warten Klavier, Saxofon, Drums, Bass und Gitarre im Hintergrund auf die Musiker. Eine Klofrau wirbelt durch die Gegend und eben jener stoische Kellner, der die Spuren der letzten Nacht wegwischt.

»Wake up in the morning« dröhnt es aus einem Lautsprecher. Das darf man programmatisch verstehen, das Heilbronner Theater startet in die Spielzeit und bringt mit »Das Ballhaus« und fast dem gesamten Ensemble eine ungewöhnliche Produktion ins Große Haus. Ein Abend ganz ohne Worte, ein getanzter Bilderbogen, der die Geschichte und Geschichten eines Jahrhunderts erzählt: vom Ende der Weimarer Republik über die NS-Diktatur, Nachkriegsjahre, Jugendrevolte und Amerikahörigkeit bis zum Fall der Mauer ins Hier und Jetzt.

Mit stehenden Ovationen feiert das Premierenpublikum am Freitag die charmante Inszenierung von Ute Raab ? und vor allem das Ensemble, das leichtfüßig auch Schwieriges tanzt und spielerisch mitspüren lässt, so dass Worte überflüssig sind. Die Idee, in einem Tanzsaal die Jahrzehnte Revue passieren lassen aus der Perspektive kleiner Leute, geht auf das Pariser Théâtre du Campagnol zurück. 1983 verfilmt Ettore Scola »Le Bal«, Steffen Mensching schließlich schreibt eine Bühnenfassung. Choreographin Ute Raab, die »Das Ballhaus« bereits in Halle/Saale auf die Bühne gebracht hat, erzählt nun die Geschichte als Heilbronner Fassung weiter. Die Grundidee ist geblieben.

Nach und nach schreiten, tänzeln und stürzen sieben Frauen die Showtreppe herunter: Die Grande Dame, die Lebenshungrige, die Entschlossene, die Pragmatische, die höhere Tochter, die große Liebende und die Dame mit Brille ? jede Zeit kennt diese Typen, wie sie auch die Männer kennt, die herein stolzieren. Da ist der Mann an sich, der ewige Zweite, das Schlitzohr, der Mann aus dem Mittelstand, der Angestellte, der faszinierende junge Mann, der Bodenständige, ein Eintänzer, ein Junge ohne Argwohn. Und der Mann, der sich jünger fühlt.

Über diese wunderbare Typisierung und die vielen Melodien (musikalische Leitung: Peter Schneider) werden Erinnerungen wach und fließen Bilder, die Raum und Zeit wie im Film verwandeln. Eitle Gigolos, die sich beim Vorübergehen im Glas kontrollieren, Eifersüchteleien, Sehnsüchte: Im Ballhaus menschelt es. Bis die Radiostimme aus dem Off vom Schwarzen Freitag kündet und vom Ende der Weimarer Republik.

Nazischergen mischen sich unter das Ballhauspublikum, reißen die Charleston-Platte vom Grammofon, auf Radikalisierung folgen Gleichschaltung und Säuberungsaktionen. Traurig singt Hans Albers seinen »Johnny«, Fliegeralarm ertönt, Schwarz-Weiß-Filmbilder zeigen das zerbombte Heilbronn, erste Kriegsheimkehrer kommen zurück. Nach der Pause sind die Amis da, die Boys und die deutschen Fräuleins, die mit Nonchalance ihre schwangeren Bäuche zu Elvis Presleys »Muss i denn zum Städtele hinaus« wiegen.

In den miefigen 50ern locken erste Italienurlaube, keimen zaghafte Emanzipationsversuche, folgt die Auflehnung der Jungen gegen die Elterngeneration. Jahrzehnte und Musikstile geraten jetzt ein wenig durcheinander. Heinos schwarz-braune Haselnuss muss für Spießertum und die bleiernen Terrorjahre der 70er herhalten, die auf der Bühne nahtlos übergehen in die Anfänge der Grünen und der AKW-Bewegung. Während Ina Deter »Neue Männer braucht das Land« röhrt, torkeln die Damen mit Bierflaschen über die Bühne. Und missverstehen das lustvolle, weibliche Selbstbewusstsein der 80er Jahre gründlich.

Hier will die Regie dann doch zu viel und gerät das fein austarierte Theater streckenweise zur Show, die schnell noch Bin Laden, Obama, Weltbörse und die neue Innerlichkeit streift. Diese Show aber ist perfekt inszeniert vor der fantastischen Kulisse (Bühne: Tom Musch) eines Ballhauses, das nach knapp drei Stunden im Zeitraffer zurückführt an den Anfang: eine Liebesgeschichte, ein Märchen. Ein gelungener Spielzeitauftakt.“

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Fränkische Nachrichten, 26.09.11
„Vor – zurück – und seitwärts – step.« Nein, das ist nicht der Vorbereitungsabend für den Tanzstundenabschlussball: Hier, auf der Bühne des Großen Hauses am Heilbronner Theater tanzt fast das gesamte Schauspielensemble in einem Stück mit viel Musik und ohne Worte Walzer, Rumba, Tango.

Mit dem »Ballhaus« eröffnete das Theater am Freitag seine neue Spielzeit. Eigentlich ein gewagtes Unterfangen: Ein Stück, das seinen Spannungsbogen über fast drei Stunden ohne einen einzigen gesprochenen Satz halten soll, ein Stück, in dem Schauspieler, nicht Balletttänzer, deutsche Zeitgeschichte in Gesellschaftstänzen erzählen, ein Stück, das verhängnisvolle Tendenzen und notwendige Umbrüche nicht in Worten, sondern in Bewegungen reflektiert.

Das Wagnis ist gelungen: Regisseurin (und Schauspielerin/Tänzerin) Ute Raab brachte eine packende, dichte Interpretation auf die Bühne, die ein dreiviertel Jahrhundert Geschichte – von der Weimarer Zeit bis zur Wiedervereinigung – von Charleston bis Disco-Fox bespiegeln und kommentieren lässt. Sie konnte sich dabei auf ein Ensemble stützen, das das durchchoreographierte Stück (mit einer Verschnaufpause) mit hoher Professionalität meisterte.

Am Ende des schweißtreibenden Abends gab es stehende Ovationen vom Premierenpublikum. Steffen Mensching hat in »Das Ballhaus« das Stück »Le Bal« des Théâtre du Campagnol auf die (west)deutsche Zeitgeschichte umgeschrieben.

Im »Ballhaus« treffen sich Typen: die Grande Dame, die Lebenshungrige, die Entschlossene. die Pragmatische, die höhere Tochter, die große Liebende, die Dame mit der Brille; der Mann an sich, der ewige Zweite, das Schlitzohr, der Mann aus dem Mittelstand, der bescheidene Angestellte, der faszinierende junge Mann, der Bodenständige, der Eintänzer, der Junge ohne Argwohn, der Mann, der sich jünger fühlt.

Sie arrangieren sich zu immer neuen Paaren und sie arrangieren sich mehr oder weniger mit den neuen Zeiten: Ziehen sich die schwarze Uniform der SS über oder das erzwungene Feldgrau der Wehrmacht; fraternisieren mit den Besatzern, verteilen Flugblätter: streifen zum Marschtakt von »Schwarzbraun ist die Haselnuss« den Lodenjanker über oder twisten im Petticoat.

In den Zeitschritten in Tanzschritten gibt es Augenblicke von großer Betroffenheit – wenn bei einer der Frauen während des Tanzes plötzlich der Judenstern auf dem Mantel sichtbar wird – und es gibt viele Momente voller Ironie.
Wer könnte nicht die Leiden des »Mannes an sich« nachvollziehen, der von seiner Frau zum Disco-Fox auf die leere Tanzfläche gezwungen wird: peinlich, peinlich.

Unterstützt wurden die Protagonisten auf der von Tom Musch zum Ballhaus umgebauten Bühne und in den Kostümen von Matthias Werner von der Band um Peter Schneider.“

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