„Bodies in urban Spaces“ by Willi Dorner – Heilbronn

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Mai 2011

Artikel über die Proben:
www.stimmt.de

Verschlungene Körper überall

Ein Gewimmel von Körpern, dicht aneinandergepresst, eng umschlungen, die Muskeln zum Zerreißen gespannt. Das ist das Erste, was Passanten ins Auge fällt, wenn sie an diesem Nachmittag in die kleine Gasse neben dem Rathaus einbiegen. Sieben junge Leute in bunten Sporthosen schaffen hier das fast Unmögliche: Sie füllen einen Hauseingang – mit sich selbst.

Die Aktion ist Teil einer ganz besonderen Tanz-Performance, aufgeführt im Zuge des dritten Festivals „Tanz! Heilbronn“. „Bodies in urban spaces“ nennt sich das Projekt des österreichischen Choreographen und Filmemachers Willi Dorner. Mit dabei sind 20 Tänzerinnen und Tänzer aus Deutschland, Norwegen und der Schweiz. Allesamt biegsam und immer bereit, in der Stadt Zwischenräume auszufüllen oder das architektonische Bild zu beleben. „Wir wollen Ordnungen und Brüche offenlegen“, sagt Dorner. „An Grenzen gehen.“
Hineinquetschen

Am Samstag können Passanten in Gänze bewundern, was in den vergangenen fünf Tagen nur geprobt wurde. Die Tänzer quetschen sich in Zwischenräume oder stapeln sich in der Fußgängerzone aufeinander. Die Zuschauer folgen einem festgelegten Parcours durch die Heilbronner Innenstadt und begegnen dabei den Performern.

Was spaßig aussieht, ist alles andere als einfach. „Wir müssen eine Position finden, in der du nicht rutscht.“ Dorner schiebt Tänzerin Mona Hempel vorsichtig dorthin, wo er sie haben will. Einen Atemzug später steht sie im Handstand im Türrahmen, den Unterkörper horizontal angewinkelt. Über und unter ihr jeweils drei andere Tänzer. Halten, halten. „Es geht nicht mehr“, ruft einer aus dem Menschenknäuel. Langsam entwirrt sich das Geflecht aus Armen und Beinen.

Nicht ohne Blessuren

„Man muss genau wissen, wie man die verschiedenen Muskeln anspannt, damit nicht alles in sich zusammenstürzt„, sagt Hempel. Dann untersucht sie ihr grünes Shirt. Der Stoff ist an einigen Stellen gerissen, an der Schulter blitzt eine Schürfwunde hervor. „Macht nichts“, sagt die Frau aus Stuttgart.

Ein paar Meter weiter hängt Flurin Kappenberger kopfüber von einem Verkehrszeichen. Auch das ist Teil der Performance. Um ihn herum stehen Passanten. Einige sehen den Kraftakt skeptisch. „Nicht, dass der mit dem Kopf runter donnert.“

Die Tänzer nehmen es gelassen. Wenn Hausbesitzer sich beschweren, wechseln sie den Platz, sonst erklären sie ihr Projekt. Das kommt in den meisten Fällen an. Zuschauer Benito del Vecchio bringt es auf den Punkt: „Unglaublich, wie die sich verbiegen.“

Parcours-Zeiten: Start ist Samstag um 12 und um 17 Uhr. Treffpunkt: Uhlandstraße/Ecke Happelstraße.

Autor: vm Datum: 27.05.2011

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Artikel über die Performance:
www.stimmt.de

Verknotet und gestapelt

In der Hasengasse klemmt ein Mensch hinter einem Halteverbot-Schild kopfüber an der Wand. Spontaner Applaus für das Wesen in grasgrünem Kapuzenpulli. Schnell noch ein Foto machen von dem Typ, bevor der sich herablässt, herausschält aus dem schmalen Spalt und flink weiterläuft im Zickzackkurs durch die Innenstadt.

20 Performer quetschen sich in Nischen und Hauseingänge, verschwinden in Vorgärten hinter Hecken, auf Garagendächern, schmiegen sich auf Treppen und in Lücken, hängen von Ampeln und Laternenpfählen herab und fügen sich – für wenige Minuten – als lebende Skulpturen in die Stadtarchitektur ein.

Im Vorübergehen

Nicht an vermeintlich herausragenden Orten Heilbronns, sondern an schlicht alltäglichen Stellen, an Plätzen, die man im Vorübergehen nicht wahrnimmt. „Bodies in urban spaces“ nennt der Österreicher Willi Dorner sein Konzept, das er seit 2007 in verschiedenen Städten in Europa und den USA entwickelt und dem jeweiligen Raum anpasst.

Zwischen Auftritten in Bristol und Montreal und einer Einladung zur Art Basel im Juni hat Dorner für die Heilbronner Variante 20 Tänzerinnen und Tänzer gecastet, die überwiegend aus Baden-Württemberg kommen, aber auch aus Köln, Berlin und Arnheim in den Niederlanden.

Ein paar Tage hat man gemeinsam einen Parcours durch die Stadt geprobt. Um dann zwei Mal am Samstag, um 12 und um 17 Uhr, loszuziehen. Zuerst sind es 200 Neugierige, am Nachmittag dann fast doppelt so viele, die dem Trupp in bunten Joggingklamotten folgen. Ausgangspunkt ist Happel-/Ecke Uhlandstraße: Die einen haben es in der Zeitung gelesen, andere im Internet, wieder andere im Theater erfahren.

Skater stoßen dazu, die Bilder im Blog des Heilbronner Fotografen, Künstlers und Szeneskaters Sergej Vutuc entdeckt haben. „Eine subtile Art von Perspektivenwechsel“, findet Vutuc die „Bodies“. „Und sehr ästhetisch.“

Wie Ostereier suchen

Die Karawane zieht weiter, einige Ältere staunen, „dass es so was gibt in Heilbronn“, Fahrradfahrer und Eltern mit Kindern sind dabei, Passanten stoßen dazu, viele fotografieren und drängen sich vor. „Das ist wie Ostereier suchen.“ „Das Eingeklemmte hat was“, und „das ist ja ein irre Haus„, als es weitergeht zur Weinvilla.

Rauf auf die Rolltreppe, vorbei am Bungalow zum Übergang ins Wollhaus und durch das Gebäude runter und raus. Die parkenden Taxifahrer grinsen oder blicken stoisch weg.

„Moving trail for a group of dancers“, nennt Dorner den Zug aus Tänzern, mit dem der Choreograph und Filmemacher den Blick schärfen möchte für Wohn-Lebens-Räume und Nachbarschaften. Die Erfahrungen, die er in der Vorbereitungsphase gemacht haben? Vom dumpfen Wegsehen über aggressives Wegscheuchen bis zur interessierten Offenheit war alles dabei.

Autor: cid Datum: 30.05.2011